Einführungsvortrag zu "Lebenszeichen"

 

Einführungsvortrag der Heidelberger Kunsthistorikerin Dr. des. Maria Lucia Weigel zur Ausstellung „Lebenszeichen“ von Alf Osman in der Kopfklinik Heidelberg am 26.2.2011 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

ich habe die Freude, Ihnen heute die Arbeiten von Alf Osman vorstellen zu dürfen, die in den kommenden Wochen in der Heidelberger Kopfklinik zu sehen sein werden.

Alf Osman lebt in Sandhausen. Er ist Gründungsmitglied des Heidelberger Malerkreises und ist mit zahlreichen Einzel- und Gruppemausstellungen über viele Jahre hinweg immer wieder in Erscheinung getreten.

 

Der Künstler fühlt sich der phantastischen Malerei verbunden und leistet hier einen wichtigen, prägenden Beitrag. Mit dem Begriff „Phantastische Malerei“ oder „Symbolischer Realismus“, wie Alf Osman selbst seine Malerei bezeichnet, ist nicht so sehr eine bestimmte Stilrichtung gemeint. Vielmehr speist er sich aus der Erkenntnis, daß neben einer rationalen, der Logik verpflichteten Weltdeutung auch noch andere Erklärungsmodelle für das Dasein von Welt und Mensch existieren. Gemeint ist die Wahrheit hinter den sichtbaren Dingen, die sich in innerer Schau und Vision offenbaren. Alf Osman steht in der Tradition dieser künstlerischen Position. Er formuliert seinen Kommentar zur Schöpfung und zur menschlichen Präsenz in dieser Welt in Gestalt von Ölgemälden und Gouachen, letztere gemalt mit deckenden, wasserlöslichen Farben. Er bedient sich dabei eines gegenständlichen Bildvokabulars.

Verdichtete Menschheitserfahrung, so könnte man die Arbeiten von Alf Osman in knapper Weise charakterisieren. Damit erschließt sich auch die Bedeutung, die das malerische Tun für den Künstler selbst hat. Er verarbeitet in seinen Werken eigene Erkenntnis, gewachsene Einsichten zum Leben. Er tut dies mit den Mitteln einer konstruktiven Bildsprache. Über diese Wahl des Mediums Malerei und einer Sprache, die universell lesbar ist, teilt sich der Künstler seinem Publikum mit, teilt die zu Bildern gewordene innere Wahrheit. Alf Osman gibt Lebenszeichen, die von seiner ganz persönlichen Auseinandersetzung mit dem Platz des Menschen in der Welt künden.

 

Das Konstruktive bringt einen Bildaufbau aus geometrischen Elementen hervor, die nach den Gesetzen der Schwerkraft, des Tragens und Lastens miteinander Verbindungen eingehen. Darin zeigt sich ein zunächst objektiv erscheinendes Verständigungsmittel, das Vertrautheit und Sicherheit im Umgang mit der Dingwelt suggeriert. Die Dinge sind an ihrem Platz, Himmel und Erde an der rechten Stelle ins Bild gesetzt. Die Exaktheit der Ausführung vermittelt Wirklichkeitsgehalt. Über diese vertrauten Zustände wird der Betrachter in eine bildliche Welt geführt, die sich als irrationaler Raum offenbart. Die Prinzipien, nach denen die Dinge in der Realität funktionieren, sind hier teilweise außer Kraft gesetzt, teilweise übersteigert. Es sind keine Sinnbilder, Symbole mit gewachsener kollektiver Geschichte, die der Maler zur Umsetzung seiner Gedanken wählt. Dennoch haben die Bildzeichen symbolischen Charakter, der ihnen Überzeitlichkeit verleiht. Sie entstehen als persönliches Vokabular und sie erreichen Allgemeingültigkeit in ihrem emotionalen Gehalt, im Schwung einer Form, im Aufstreben und Verglühen einer lichten Form, in ihrer ästhetischen Erscheinung. Die Bildschöpfungen haben zuallererst eine Präsenz, die sich nicht in ihrem Inhalt erschöpft. Dieser tritt in der intellektuellen Annäherung in einem weiteren Schritt hinzu. Aber auch auf der emotionalen Ebene wirken die Bilder auf uns ein. Sie entzündet sich an der Reinheit der Form, an der Feinheit der farblichen Abstufung. Alf Osmans Arbeiten begleiten uns mit ihrer Anwesenheit, die Kontemplation und Ruhe ausstrahlt. In ihnen liegt die Sehnsucht, daß der Mensch aufgehoben sein möge von höheren Kräften, die die Welt in Maß und Zahl, in Harmonie und Schönheit haben erstehen lassen. Eine Bildmusik stellt sich ein, durchaus beabsichtigt vom Künstler. Farben und Formen gehen eine ausgewogene Verbindung ein, Kompositionen sind wohlüberlegt, und noch jenseits dessen hat das Bild eine Wirkmacht, die nicht durch Sprache übermittelt werden kann. Es birgt ein Geheimnis, das sich nur in der Anschauung mitteilt. Deshalb sind wir heute hier.

 

In der konstruktiven Formensprache entwickelt sich eine formale Spannung zwischen Rundem und Eckigem, auf subtilerer Ebene der Farbgebung  zwischen Bereichen maximaler Dunkelheit und äußerster Lichthaltigkeit. Geometrische Formen und scheinbar dreidimensionale, körperhafte Elemente unterliegen der Strenge des Tektonischen, des Bausteins, aus dem sich Welten errichten lassen. Statik und Dynamik halten sich die Waage. Bewegungsenergie wird in Form und in Farbe übersetzt. Kühne, labile Balanceakte vollziehen da die übereinandergetürmten Bildelemente. Offene Formen lassen dem Bewegungsimpuls Ausbreitungsmöglichkeit. Farbe wird stets feinmalerisch vertrieben auf Leinwand und Papier; das Material bringt dabei eigene Vorgaben ein. Die Illusion einer bekannten Welt entsteht vor unseren Augen. Denn das Repertoire an Bildbausteinen ist eingebettet in irdische Landschaften, die doch kosmische Gefilde meinen. Wir glauben die Welt von erhöhten Standpunkten aus zu schauen, eine Welt, die sich weit in die Tiefen der Bilder erstreckt. Fjorde schlängeln sich durchs Bild, zeigen die Tiefenerstreckung an, machen sie erlebbar und geleiten das Auge auf seinem Weg durch das Bild. Weite Horizonte geben den Blick frei auf Wolkenformationen. Perspektivisch ist diese Welt gestaltet, räumlich, so, wie wir es gewohnt sind. Auf den zweiten Blick stellen sich Irritationen ein. Rechteckige Räume öffnen sich innerhalb der übermächtigen Bildräume, wie Verschachtelungen, in denen sich immer neue Geheimnisse offenbaren. Wolken brechen ein in Bildformen, die doch im Vordergrund zu liegen scheinen, das Davor und Dahinter innerhalb der Anordnung der Bildelemente ist aus den Fugen geraten. Bodenformationen lösen sich in spiegelnde Oberfläche auf, deren Darunter bereits anderen Welten anzugehören scheint. Architekturen wachsen ins Unendliche.

 

Unterstützt wird dies durch die Malweise, die hohes handwerkliches Können erkennen läßt. Farbverläufe lassen satte Farben ineinander übergehen, Lichtreflexe überblenden die farbigen Nuancen gar vollständig, verschmelzen sie zu einem einzigen Bildlicht, das aus der Tiefe zu glühen scheint. Es entsteht eine Verknüpfung von Formen und Farben, von archetypischen Bildern, von Gestimmtheit der Landschaft und meteorologischen Verhältnissen, die sich uns auf emotionaler Ebene mitteilt. Qualitäten wie Zuversicht, Geborgenheit, Stille, Todesahnung lassen sich auf diese Weise vermitteln. Davon zeugen auch die Bildtitel, die dem Betrachter eine Brücke zum Bildverständnis bauen. „Sakraler Augenblick“, „Achtsam unterwegs“, „Vertrauen und Wagnis“ lesen wir. Gleißende Flammen, perspektivisch übersteigerte Labyrinthe, aufbrechende Schalen, denen eine Perle entsteigt, schwebende Formen vor dunkel verblauendem Himmel sind die motivischen Entsprechungen.

 

Anhand einiger neuer Arbeiten, die das Atelier zum heutigen Anlaß zum ersten Mal verlassen haben, läßt sich die Arbeits- und Denkweise von Alf Osman nachvollziehen. Zwei fast identische Bilder einer Hafenszene entfalten voneinander abweichende Bildwirkungen. Auf den zweiten Blick erschließt sich der Grund dieses Phänomens. Das Arrangement der einzelnen Motive und die landschaftliche Einbettung sind jeweils beibehalten, die atmosphärische Stimmung dagegen verändert sich von einem Bild zum anderen. Das liegt daran, daß der Künstler die Farbgebung des Himmels umkehrt. Eine dunkel drohende Wolkenwand läßt die Hafenarchitektur im einen Fall als Silhouette in Erscheinung treten, im anderen Fall ist die Dramatik durch eine freundliche Beleuchtung gemildert, in eine friedliche Stimmung umgedeutet. Alf Osman konzipiert seine Arbeiten in minutiöser Planung. Aus kleinformatigen Bleistiftskizzen werden großformatige Kompositionen entwickelt. Über Jahre hinweg können die Ideen reifen, bis sie als fertiges Gemälde in Erscheinung treten. In den beiden Varianten der Hafenansicht werden kantige Formen sorgfältig durch das sinnlich anmutende Halbrund der Boje aufgefangen; deren leuchtendes Orange verbindet sich über einen Komplementärkontrast mit dem Blaugrau des Himmels. Diese Ausgewogenheit im Bild entspricht dem inneren Gespür des Künstlers für die Stimmigkeit, „so muß es sein, nicht anders, damit das Bild klingt“, so formuliert es Alf Osman. Die Notwendigkeit, hier ein Bildelement einzufügen oder dort wegzulassen, ergibt sich im Werden des Bildes. Der Künstler denkt in einer Bildsprache, die sich im meditativen Einstimmen auf das Werk einstellt. Ein romantisches, ganzheitliches Weltverständnis ist die Grundhaltung, aus der Alf Osmans Kunst erwächst.

 

Die großformatigen Ölgemälde wie auch die kleineren Gouachen sind Solitäre. Im Abschreiten der Ausstellung bemerken Sie, wie jedes Bild seine eigene Stimmung entfaltet, Sie in seinen Bann zieht. Lassen Sie sich auf die Lebenszeichen ein.

Ausstellungen vergangener Jahre

Einige Ausstellungen seit den 80er Jahren, einzeln

oder zusammen mit dem Heidelberger Malerkreis

 

Kunstverein Bruchsal 1985

Stadthalle Heidelberg 1987

Kunstverein Schwetzingen 1987

Kunstverein Speyer 1988

Kunstverein Gießen 1989

Lichthofgalerie Villingen 1989

Villa Streccius Landau 1991

Balintklinik Königsfeld 1994

Sole d'Oro Heidelberg 1994

Rathaus Walldorf 1995

Lichthofgalerie Villingen 1995

Schloss Heidelberg – Ottheinrichsbau 1995

Stephanushaus Heidelberg-Pfaffengrund 1999

Sole d'Oro Heidelberg 2000

Volkshochschule Heidelberg 2001

Stadtbücherei Walldorf 2002

Kulturzentrum Alter Bahnhof Neulußheim 2003

„Goldene Sonne“ Heidelberg 2004/2005

Villa Meixner Brühl 2005

Villa Streccius Landau 2006

Alte Synagoge Sandhausen 2006

Galerie am Schloss Heidelberg 2007

Kreispflegeheim Weinheim 2007

Rathaus Eppelheim 2009

AVR-Gebäude Dossenheim 2009

Ökum.Bildungszentrum sanctclara Mannheim 2010

Kath. Gemeindehaus Walldorf 2010

Martin-Wagner-Museum in der Würzburger

Residenz 2010/11

Kopfklinik Heidelberg 2011